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Von Geistern und Graffiti

Der Aberglaube ist in vielen Kulturen tief verwurzelt. Auch Asien stellt hier keine Ausnahme dar und ist eine wahrhaftige Fundgrube für verwunschene Orte. Unser Fotograf Torsten Velden ist in Vietnam fündig geworden und war bereit, seine spannende Geschichte hier mit uns zu teilen.

© Torsten Velden/Westend61

Torsten, beim Betrachten dieses Bildes steht man irgendwo zwischen Schauder und Begeisterung. Sehr wohnlich schaut das Ganze nicht unbedingt aus. War Dir auch ein wenig mulmig zumute?

Torsten Velden

Einst voller Leben, steht dieses Gebäude heute nahezu leer und beherbergt im besten Falle eine Vielzahl von scheinbar übernatürlichen Phänomenen und viele, viele Geistergeschichten. Für mich war jedoch genau das der Grund, diesen sagenumwobenen Ort selbst zu erkunden.

Das 13-stöckige President Building, so wie es einst genannt wurde, beheimatete während des Vietnam Krieges Soldaten der US-Armee. Und genau hier – mit der „Unglückszahl“ 13 – beginnt die Geschichte:

Man hatte die Arbeiten zur Errichtung des 13. Stockwerkes gerade abgeschlossen, als sich eine Reihe schwerer Unfälle ereignete. Die verschreckten Arbeiter sollten – so erzählt man sich – mit der Hilfe eines Schamanen, der die spirituelle Unversehrtheit des Gebäudes wiederherstellen sollte, beruhigt werden. Dazu wurden in einer geheimen Aktion die Leichen vierer Jungfrauen aus einem Krankenhaus geholt und eine an jeder Ecke des Gebäudes verscharrt. Laut Feng Shui würde das Gebäude so vor unliebsamen Gästen aus der Geisterwelt bewahrt werden. Der Bau konnte endlich vollendet werden – die Pechsträhne schien überwunden. Der Besitzer hätte nicht erfreuter sein können, als die US-Armee das Haus für ihre Soldaten mietete. Doch mit der Zeit verblasste der Glamour des President Buildings.
Nach der Wiedervereinigung Vietnams bezogen vornehmlich heimische Familien das Gebäude und seither gilt das Haus als verhext: Bewohner erzählen von befremdlichen Geräuschen, Stimmen und sogar geisterhaften Erscheinungen. Einige sind sich sicher, dass sie hier gewaltsame Szenen aus der Vergangenheit des Hauses bezeugen und erneut durchleben müssen. Das deutlich größere Risiko stellt heute, neben all den Geistergeschichten, jedoch die offensichtliche Baufälligkeit des 54 Jahre alten Gebäudes dar. Die gespenstisch heruntergekommene Atmosphäre zieht vor allem Kriminelle und Drogensüchtige an. Ohne persönlichen Beschützer, der natürlich standesgemäß entlohnt werden muss, kann man das Gebäude kaum begehen. Hat man diese Hürde überwunden, betritt man buchstäblich das Set eines Horrorfilms: Müll, Glasscherben, Gerümpel und Graffiti überall! Das trübe Licht der Nachmittagssonne und die Schattenspiele an Boden und Wänden heizen das Kopfkino kräftig an.

Die Hauptattraktion und der Traum eines jeden Fotografen ist gewiss die atemberaubende Dachterrasse, auf deren Mitte sich ein großer Pool mit Brunnen befindet – Relikte aus vergangener Zeit. Heute ist der Pool staubig und leer, die ganze Terrasse in einem desaströsen Zustand und trotzdem ist die Opulenz der vergangenen Tage immer noch spürbar.

Für dieses Foto bin ich aus einem der Fenster geklettert, um auf eine Art Balkon zu gelangen. Da die Geländer allesamt verschwunden sind, konnte ich die grandiose Sicht auf Ho Chi Minh und sein bezauberndes Mosaik aus kleinen Häusern uneingeschränkt genießen.

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