Visuelle Wahrnehmung: Gute Fotos sind Anker in der Informationsflut

Seit es uns Menschen gibt, versuchen wir uns ein Bild von der Welt um uns herum zu machen. Jahrtausendealte Höhlenmalereien legen faszinierendes Zeugnis davon ab, dass Bilder seit Anbeginn der Menschheit immense kulturstiftende Bedeutung hatten. Schon in einer Zeit, als Sprache und Schriftlichkeit noch wenig entwickelt beziehungsweise nicht vorhanden waren, bedienten Bilder das urmenschliche Bedürfnis nach Kommunikation, Dokumentation und Ästhetik.

Bilder sind schneller als Worte

Man könnte also in Anlehnung an ein Bibelzitat etwas provokant sagen: „Am Anfang war das Wort – aber das Bild war schon ein bisschen früher da.“ Das ist natürlich eine Frage, über die man mit einem Theologen trefflich streiten könnte. Tatsache hingegen ist, das ein Bild auch beim sprachgewandtesten Menschen schneller den Weg ins Hirn findet als ein Text: Ein Bild wirkt in der Gänze seines Informationsgehaltes und wird sozusagen parallel verarbeitet, während etwas Geschriebenes sequentiell, also Wort für Wort, „verdaut“ und in eine verwertbare Information umgewandelt werden muss.

© Rik Rey/Westend61

Besonders im Journalismus und in der Werbung hat die Illustration entscheidende Bedeutung: In einem Zeitungsartikel oder in einer Werbeanzeige wird ein Bild nachweislich vor dem Text wahrgenommen. Stimmt die Bildauswahl, weiß der Betrachter innerhalb von Sekundenbruchteilen zumindest ungefähr, worum es geht – und entscheidet dann, ob er den zugehörigen Text liest oder weiterblättert beziehungsweise -klickt. Das ist auch der Grund, warum man angehenden Zeitungsredakteuren beibringt, dass auf jeder Seite oben möglichst ein aussagekräftiges Aufmacherbild stehen sollte, um das Interesse des Lesers zu wecken und ihn in den Text „hineinzuziehen“, wenn er morgens flüchtig durch die Zeitung blättert. Bilder sind also im wahrsten Wortsinn „anschaulich“ und damit leichter verständlich als ein Text, der allenfalls ergänzende, erklärende und vertiefende Informationen dazu liefert.

Bilder wecken Emotionen

Allen Bildern ist gemeinsam, dass ihre Urheber damit andere Menschen erreichen und etwas in ihnen auslösen möchten. Bilder können unterhalten, belehren, Sachverhalte oder bestimmte Aspekte eines Themas verständlich machen und auch Emotionen wecken. Das reicht vom nüchtern-sachlichen Piktogramm mit der durchgestrichenen Zigarette, das mir zu verstehen gibt, dass ich hier nicht rauchen soll, über das Werbeplakat mit dem leckeren Käse, der mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt bis hin zu Nachrichtenfotos aus Krisen- und Kriegsgebieten, die mich mit Abscheu, Mitleid oder Entsetzen erfüllen. Bilder können mir auch helfen die Vergangenheit besser zu begreifen, etwa beim Durchblättern eines Familienalbums oder eines Geschichtsbuchs.

© Dirk Kittelberger/Westend61
© Loop Delay/Westend61

Die Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert hat die Art und Weise, wie wir die Welt um uns herum bildlich wahrnehmen, stark beeinflusst. Im Unterschied zu Grafik und Malerei kann Fotografie im Wesentlichen – ungeachtet technischer Manipulationsmöglichkeiten – nur das abbilden, was sich real vor der Kameralinse befindet. Damit bietet die Fotografie von allen Möglichkeiten bildlicher Darstellung den größtmöglichen Grad an Realitätsnähe. Dieser Umstand verleiht einer Fotografie einem gewissen Vertrauensvorschuss beim Betrachter: Ein Foto erscheint uns objektiver und glaubwürdiger als etwa ein Gemälde – was nicht heißen soll, dass Fotos nicht oft bewusst manipuliert würden, um ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit wiederzugeben und so Menschen zu manipulieren.
Die visuellen Erfahrungen aus der Betrachtung der realen Welt sind der Gradmesser, anhand dessen wir ein Foto als ausdrucksstark, langweilig, unnatürlich, als gelungen oder missraten bewerten. So können beispielsweise zu grelle Farben ein ansonsten gut komponiertes Foto unrealistisch erscheinen lassen.

Bildqualität wichtiger denn je

Auch die rasante Verbreitung des Internets hat unsere visuelle Wahrnehmung und die Wirkung von Bildern verändert. Die nie dagewesene Menge an digitalem Bildmaterial und die damit verbundene Reizüberflutung machen es schwerer, die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Bild zu lenken. Die User bevorzugen Informationen, die sich von der vorbeiströmenden Datenflut abheben, weil sie einen höheren Erlebnis- und Unterhaltungswert bieten – und das sind natürlich in erster Linie ausdrucksstarke Bilder. Sie fungieren in den Untiefen des Informationsstroms sozusagen als „Anker“ für unsere Aufmerksamkeit. Deshalb arbeitet moderne Werbung auch weniger mit Text als mit Bildern, mit denen die beworbenen Produkte effektvoll in Szene gesetzt werden.

© Hans Huber/Westend61
© Rainer Berg/Westend61

Erfolgreiche Werbung lebt also vor allem von der geschickten Gestaltung und Auswahl von Bildern. Der sekundenschnelle Zugriff auf riesige Online-Bild-Datenbanken mit wenigen Mausklicks hat die Bildersuche zwar technisch vereinfacht, sie aber andererseits wegen der viel größeren Auswahl auch fehlerträchtiger gemacht. Denn groß ist angesichts der vielen Vergleichsmöglichkeiten die Versuchung, das preisgünstigere „08/15“-Bild dem etwas teureren, aber aussagekräftigeren Foto vorzuziehen. Wer sich wirkungsvoll von der Konkurrenz abheben möchte, sollte deshalb den Wert eines guten Bildes zu schätzen wissen – es ist eine Investition, die sich lohnt.

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