Tanz auf dem Vulkan


Zur aktuellen Lage: Das Interview mit Martin Rietze haben wir bereits vor einigen Wochen geführt und auch den Termin für die Veröffentlichung festgelegt. Mit ständigem Blick auf die aktuellen Entwicklungen des Mount Agung auf Bali, haben wir entschieden, das Interview zu veröffentlichen. Auch, um ein wenig über das Naturphänomen Vulkanausbruch aufzuklären.

Martin Rietze (53) lebt in der Nähe von München und hat den Drang, die Natur zu erforschen, im Blut. Schon seit seiner Kindheit faszinieren ihn die Astronomie und Vulkane. Während der Ingenieur der Elektrotechnik beruflich an der Entwicklung und dem Aufbau astronomischer Kuppeln und Geräte arbeitet, investiert er große Teile seiner Freizeit in die Vulkanologie. Er war bei vielen Vulkanausbrüchen live dabei und sieht sie sich nicht nur an, sondern dokumentiert sie auch fotografisch. Seit 2004 vermarktet er seine faszinierenden Aufnahmen über Westend61. Wir schätzen uns glücklich, ihn bei uns zu haben und wollten einfach einmal genauer wissen, was ihn antreibt und warum er seine Freizeit so gerne an Vulkanen verbringt. Ist es der Tanz auf dem Vulkan oder die Wissbegier des leidenschaftlichen Naturbeobachters?

Lieber Martin, du hast ja drei Leidenschaften, die du immer wieder miteinander verbindest. Die Astronomie, die Fotografie und die Vulkanologie. In diesem Interview möchte ich mit dir über Vulkane und Fotografie sprechen. Seit wann interessieren dich Vulkane?
Eigentlich seit meiner Kindheit. Bilder von Vulkanausbrüchen und auch ein zufälliger, kurzer Besuch eines Lavastroms am Ätna 1978 anlässlich einer Sizilienreise verstärkten dieses Interesse. Aber jahrzehntelang war mir nicht klar, dass man dieses Thema auch intensiv verfolgen kann.

Seit wann verfolgst du das Thema intensiv?
Zwar fanden bei Reisen vor 2002 schon Abstecher zu Vulkanausbrüchen statt, zum Beispiel waren da öfters Besuche der Lavaströme auf Hawaii. Aber insbesondere der Ätna-Ausbruch vom November 2002 bedeutete die Wende. Zusammen mit einem erfahrenen Beobachter verbrachte ich zwei Nächte in wenigen hundert Metern Distanz zur riesigen Lavafontäne mit 6 Kilometer hoher Aschesäule.

Wie nahe warst du da am Krater dran?
Das sind etwa 430m Distanz, die Aschewolke stieg auf etwa 6000 Meter.

© MARTIN RIETZE/Westend61
© MARTIN RIETZE/Westend61

Wie viele Vulkanausbrüche hast du in deinem Leben schon gesehen?
Mehr als 30 aktive Vulkane habe ich während laufender Ausbrüchen vielfach besucht, insgesamt habe ich sicher mehr als 100 verschiedenartigste Ausbrüche erlebt und dokumentiert.

Was fasziniert dich an den Vulkanen so sehr, dass du fast überall hinreist, wo es Vulkanausbrüche gibt, wenn es die Zeit erlaubt?
Es ist die einzigartige Mischung aus Ästhetik und Gewalt, Schöpfung und Zerstörung, die mich fesselt. Ich kann mir auch kaum eine andere Thematik vorstellen, bei der man permanent die Grenze zwischen idealer Bildposition und nötiger Risikodistanz finden muss. Diese Herausforderung ist für mich viel motivierender und spannender als zum Beispiel Bergsteigen oder Astronomie alleine, es sind unbeschreiblich direkte Erlebnisse.

Wie bekommst du rechtzeitig mit, wenn irgendwo auf der Welt ein Vulkan ausbricht?
Das ist heutzutage erstaunlich einfach durch das Internet geworden. Es gibt dort direkte Verbindungen zu Vulkanobservatorien, einschlägige Seiten oder sofortige Postings von Menschen vor Ort in den sozialen Netzwerken, wodurch innerhalb weniger Minuten von einem Vulkanausbruch erfährt. Allerdings löst das keinesfalls das Problem, wie man zeitnah zur Ausbruchsstelle reisen kann.

Wann und wo hast du deine ersten Vulkanbilder gemacht?
Das war ganz klassisch – wie bei vielen anderen auch – am Stromboli in Italien, einem der wenigen über Jahrhunderte fast permanent aktiven Vulkane. Ich verbrachte dabei 1985 eine unvergessliche Nacht am Gipfel.

Was war daran so unvergesslich?
Zum ersten Mal im Leben allein nahe einer Ausbruchsstelle, die unter entsprechender Akustik oftmals glühende Lavabrocken – Lapilli – 100 Meter in die Höhe schleudert. Ich hatte eine Kamera dabei, mit der ich das aufnehmen konnte. Solche Ersterfahrungen prägen sich für immer ins Gedächtnis ein.

Braucht man für Vulkanfotos ein besonderes technisches Equipment, um gute Bilder machen zu können?
Für Fotos genügt eine übliche Kamera, viel entscheidender ist der richtige Zeitpunkt welcher durchaus tagelanges Warten bedeuten kann. Wenn man sich jedoch auf strukturreiche, durchgezeichnete Nachtaufnahmen spezialisiert, sind die neueste Sensortechnik und ultralichtstarke Objektive gerade gut genug. Dazu kommt natürlich nichtfotografisches Equipment um überhaupt nahe an die Ausbruchsstellen zu kommen bzw. dort zu überleben.

Welches da wäre?
Essentiell ist eine Gas- und Staubmaske, seltener auch ein Helm. Dieser wird stark überbewertet, da er bei starken Ausbrüchen auch nicht mehr hilft, Gas dagegen ist allgegenwärtig und akkumulativ. Was man oft nicht bedenkt ist, dass die Gefahr meist vom Wetter ausgeht, da man ja an manchen Vulkanen tage- und nächtelang Hochgebirgsklima ausgesetzt ist. Man braucht also eine volle Bergausrüstung mit Wasserreserve usw., ich kenne zahlreiche tragische Todesfälle wo Vulkanbeobachter erfroren oder im alpinen Gelände abgestürzt sind.

Als ich kürzlich im Sommerurlaub in Sizilien war, habe ich eine geführte Jeep-Tour zum Ätna gemacht. Dieser berühmte und wirklich beeindruckende Vulkan ist ja 3.300 Meter hoch und wir kamen bis auf 1.600 Meter Höhe. Das war ein ganz besonderes Naturerlebnis, das mir immer in Erinnerung bleiben wird. Dabei musste ich auch an dich denken. Wir wissen ja, wie gefährlich spuckende Vulkane sind, wenn man ihnen zu nahekommt. Wie weit bist du eigentlich vom Krater entfernt, wenn ein Vulkan ausbricht?
Wie eingangs erwähnt ist es die Kernherausforderung, die optimale Grenze zwischen Risiko und gutem Einblick zu finden. Und dies ist bei jedem Vulkan anders!
Das heißt, an einem gutmütigen, nicht explosiven Vulkan stehe ich auch mal mitten im Krater und nur durch die Hitze limitiert einen Meter von der Lava entfernt, an manchem explosiven Vulkan fühle ich mich schon in 10 Kilometer Distanz alles andere als wohl.

Bist du schon in gefährliche Situationen geraten bei deinen Fotoexpeditionen zu Vulkanen, tanzt du den Tanz auf dem Vulkan?
In der Tat, dies ist wohl hinsichtlich der vielen Jahre kaum vermeidbar. Jedoch sollte erwähnt werden, dass ich beim Autofahren oder beim Bergsteigen mehr lebensgefährliche Situationen erleben musste.

Aber ich muss nachhaken: Fällt dir spontan eine gefährliche Situation ein, die du lieber nicht mehr erleben möchtest?
Mehrere. Da wäre eine kurz nach Überschreitung kollabierte Felsbrücke über einem kochenden Lavasee. Ein Erdbeben, das den in 3,5 Kilometer Distanz stehenden Vulkan zu heftigen Pyroklastischen Strömen – Glutwolken – angeregt hat, welche den Hang mit 100 Stundenkilometern in unsere Richtung hinunterrasten. Dann eine metergroße Lavabombe, die dicht über meinem Kopf hinwegflog, ein kollabierender Hornito (Lavakonus) – in 20m Entfernung mit kubikmeterweise 10 Meter pro Sekunde schneller Lava, die auf mich zuschoss. Sehr gefährlich war auch etwas gegen alle diese Erlebnisse „ganz Triviales“, nämlich eine durch eine defekte Gasmaske verursachte plötzliche Ohnmacht direkt neben einem Pond aus 250 Grad heißem flüssigem Schwefel.

Mir wird ganz schwindelig, das sind Erlebnisse, auf die die meisten Menschen wohl eher gerne verzichten, aber für manche große Leidenschaft muss man wohl gewisse Risiken eingehen. Kommen wir zur nächsten Frage: Welcher ist eigentlich dein „Lieblingsvulkan“ und warum?
Schwer zu sagen, aber es gibt etwa drei: den Ol Doinyo Lengai wegen seiner unvergleichlich ästhetischen Lava, den Ätna wegen der nun oftmalig aus nächster Nähe erlebten gewaltigen Lavafontänen und nicht zuletzt den Stromboli, denn dort hatte ich viel Glück, ich durfte schon weit überdurchschnittlich oft schöne und vielseitige Ausbrüche erleben.

© MARTIN RIETZE/Westend61
© MARTIN RIETZE/Westend61

Gibt es einen Vulkan, den du noch nicht besucht hast und den du unbedingt noch sehen willst?
Natürlich, und zwar jenen, von dem man noch nie etwas gehört hat und der nach Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden plötzlich zu heftiger Aktivität erwacht und von dem man nur dadurch erfährt, dass es ihn gibt! Viele der fantastischsten Vulkanaufnahmen – die mir noch fehlen – entstanden an solchen plötzlich erwachenden Vulkanen, der Traum eines Vulkanfotografen.

Kommen wir zur letzten Frage. Warum ist Westend61 die richtige Heimat für deine Bilder?
In Zeiten schnellen Wandels und unüberschaubarer, wertverlustiger Internetbilderschwemme bewährt sich Westend61 für mich durch eine verlässliche und stabile Vermarktung.

Vielen Dank für dieses wirklich spannende Interview, lieber Martin!

Wer jetzt Blut geleckt hat und noch mehr über Martins Erlebnisse an Vulkanen wissen will, dem empfehlen wir, uns ab nächster auf Instagram zu folgen. Martin übernimmt unseren Account für fünf Tage und erzählt uns von ein paar sehr eindringlichen und spannenden Erlebnisse an verschiedenen Vulkanen dieser Erde.

Mehr Bilder von Martin Rietze hier.

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