Linien im Bild lenken den Blick auf das Wesentliche

Ein wichtiges Gestaltungselement in der Fotografie sind Linien, denn sie führen den Betrachter durch das Bild, lenken seine Aufmerksamkeit auf das zentrale Motiv und helfen ihm so, die Botschaft des Motivs zu verstehen. Darüber hinaus lassen sich mit verschiedenen Formen von Linien unterschiedliche Wirkungen beim Betrachter erzielen. Hier die wichtigsten im Überblick:

  • Diagonale: je nach Richtung positiv und aufstrebend oder fallend und abwärtsgerichtet
  • Schräge: Unruhe, Dynamik
  • Waagrechte: statisch; um den Eindruck von Langeweile zu vermeiden, besser mehrere waagrechte Linien verwenden
  • Senkrechte: stabil, fest, vital, energisch
  • Winkel erzeugen Spannung (vor allem bei gegenläufiger Richtung)
  • gebogene Linien wirken mit der Öffnung nach oben aufnehmend und offen, mit der Öffnung nach unten beschützend und geschlossen
  • rechtwinklige Linien: konstruktiv, exakt
  • auch der Umriss eines Objekts ist eine Linie und lässt es hervortreten, insbesondere bei Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe
  • Bewegungsunschärfen können Linienform annehmen, zum Beispiel die Scheinwerferspuren von Autos auf einer Nachtaufnahme mit langer Verschlusszeit
  • Punkte oder Striche können ebenfalls eine (virtuelle) Linie bilden, etwa die gestrichelten Markierungen auf einer Straße oder einem Sportplatz

Ein einfaches Beispiel für Linienführung ist die Zentralperspektive: Mehrere Linien laufen im Hintergrund zusammen und erzeugen so den Eindruck von Tiefe. Ein klassisches Motiv, bei dem sich diese Technik effektvoll nutzen lässt, sind schnurgerade Straßen durch eine einsame Landschaft: Mittellinie, Straßenränder und Horizontlinie treffen sich in einem Fluchtpunkt in der Bildmitte oder etwas daneben und vermitteln ein Gefühl von Unendlichkeit und Ferne.

© Fotofeeling/Westend61

Eine besondere Dynamik entfalten Linien bei Motiven aus Architektur, Technik und Verkehr: etwa die stürzenden Linien einer aus der Froschperspektive fotografierten Hochhausfassade, wobei am Himmel segelnde Wolken einen reizvollen Kontrast bilden können. Das funktioniert auch bei Solarmodulen mit exakt geometrischen Formen, in deren Oberfläche sich der Himmel spiegelt. Die Belebung strenger Formen ist aber auch möglich, indem man den Menschen inmitten von ihm geschaffener Strukturen zeigt: also zum Beispiel den Geschäftsmann oder Banker vor der Wolkenkratzer-Kulisse einer Finanzmetropole oder Firmenmitarbeiter in einer nüchtern-strengen Werkhalle.

© Daniel Ingold/Westend61

Aber auch in der Landschafts- und Naturfotografie sorgen Linien für Struktur und Tiefe. Einfachstes Beispiel ist die Horizontlinie, deren Position festlegt, wo der Motivschwerpunkt liegt: Ein tiefer Horizont betont den Himmel, ein hochangesetzter Horizont eher den Vordergrund. Topographische Strukturen wie eine Sanddüne, ein Bergrücken oder eine Uferlinie können bei richtiger Perspektive als Führungslinien in einem Bild genutzt werden und einen besonderen Blickfang bilden. Die Kontrastwirkung zwischen menschlicher und natürlicher Ordnung funktioniert bei Naturmotiven manchmal ebenfalls: also zum Beispiel die exakt parallelen Reifenspuren eines Fahrzeugs im Sand eines abgelegenen Orts, wo diese geometrische Anordnung ungewöhnlich anmutet; oder die Spuren landwirtschaftlicher Fahrzeuge in einem großen Feld aus der Vogelperspektive. Auch Oberflächenstrukturen lassen sich in die Linienführung einbeziehen, wenn Perspektive und Lichteinfall stimmen. So verstärken die feinen Rillen in der Laufbahn eines Sportstadions die Dynamik, mit der die Athletin im Hintergrund dem Ziel entgegenschnellt.

© Boy/Westend61
© Michael Malorny/Westend61

Linien bringen also Ordnung in den Aufbau einer guten Fotografie, indem sie Vorder- und Hintergrund unterteilen und den Blick auf das Wesentliche lenken. Linien sind sozusagen die Schienen, auf denen die Botschaft des Bildes ins Gehirn des Betrachters transportiert wird. Wer sie nicht nur intuitiv, sondern bewusst einzusetzen weiß, kann damit die Qualität seiner Aufnahmen deutlich steigern und zusätzlich mehr Aufmerksamkeit beim Betrachter wecken. Gleiches gilt natürlich auch bei der Bildauswahl: Wer die Art der Linienführung gezielt in seine Auswahlkriterien mit einbezieht, verstärkt die Bildwirkung und verwendet aussagekräftigere Motive.

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